Der Gedanke daran trieb mir schon Wochen vorher den
Angstschweiß auf die Stirn, aber wie bei so vielen Dingen macht man sich im
Vorfeld unzählige Gedanken, um dann festzustellen, dass sich im Grunde genommen
nichts ändert und das Leben noch genauso anfühlt wie vorher. Außerdem kannte
ich ja genügend Menschen, die es schon hinter sich hatten und zumindest dem
Anschein nach keinen Schaden davon getragen hatten. An besagtem Tag wird immer
der amerikanische Präsident in sein Amt eingeführt, aber da sich der Inhaber in
der zweiten Amtszeit befinden, fiel dieses Ereignis flach und ich konnte mich
ganz auf mich und diese monumentale Zahl konzentrieren: 50 – ein halbes
Jahrhundert, 5 Jahrzehnte, 18250 Tage, 438000 Stunden, 26280000 Minuten…OK, man
muss es nicht übertreiben! Es ist letztendlich nur ein Geburtstag. Das Fatale
dabei ist, dass man sich noch gar nicht so alt fühlt wie man biologisch geworden
ist. Als ob nur die äußere Hülle gealtert sei, aber der Kopf jung und fidel
kurz nach der Pubertät stecken geblieben ist.
Ich beschloss meinen Geburtstag im Rahmen meiner
Möglichkeiten zu ignorieren und die Zahl erst einmal in seiner ganzen Wucht auf
mich wirken zu lassen. An Feiern war selbstredend nicht zu denken. Ich stellte
mir die Zahl als römische Ziffer vor: L – das wirkte gleich viel weniger
bedrohlich. Und wenn man die horizontale und die vertikale Linie gedanklich mit
Pfeiltasten versieht, wirkt der Buchstabe sogar richtig dynamisch. Da ist Bewegung
zu drin, da geht noch was! Überhaupt sollten Latein und die philosophischen
Strömungen in jener Zeit eine viel größere Rolle in unserem Leben spielen.
Damals hatte man noch Zeit, um sich über die wesentlichen Dinge des Lebens
Gedanken zu machen. In meiner Erinnerung waren diese Exkurse die Highlights des
sonst eher drögen Lateinunterrichts gewesen, deren Impulse selbst zu
pubertierenden Teenagern durchdrangen und zwar nachhaltig, indem man überlegte,
ob mal lieber als Stoiker oder als Hedonist durchs Leben wandeln wollte.
Auf jeden Fall scheint die Zahl 50 eine magische Wirkung zu
entfalten, indem sie lang gehegte Lebensträume in Erinnerung ruft. So höre ich
mit Erstaunen von nicht unbedingt altersgerechten Plänen einer Kilimandscharo-Besteigung,
einer Tour durch diverse Höhencamps im Himalaya und vom Vorhaben den Westcoast
Trail zu bezwingen. Und erst kürzlich schreckte ich eine Freundin einige Tage vor
ihrem 50. in der Atacama-Wüste in Chile auf, als ich eigentlich nur wissen
wollte, ob sie denn für ihren baldigen Geburtstag moralisch gerüstet sei.
Angeblich hatte sie mir von ihrem Vorhaben einige Wochen zuvor berichtet, aber
bei mir sind ja mittlerweile Geheimnisse in den besten Händen, da ich spätestens
am nächsten Tag wieder alles vergessen habe, was mir ans Ohr gedrungen ist.
Durch diese ungewöhnlichen Vorhaben inspiriert, beschließe ich, dass es nun
auch Zeit ist, meinen Wunsch zu erfüllen: den Jakobsweg von Pamplona nach
Santiago de Compostela mit dem Mountainbike zu pilgern. Dieses Vorhaben
umtreibt mich schon lange bevor Hape Kerkerling dann mal weg war, aber
irgendwie fehlte immer die Zeit zur intensiven Vorbereitung und Umsetzung
dieses spannenden Projekts. Jetzt scheint der richtige Zeitpunkt gekommen zu
sein und ich nehme mir vor sofort mit dem Training zu beginnen, denn die
Radstrecken kreuz und quer durch die Pyrenäen sind kein Zuckerschlecken und ich
bin ja jetzt auch nicht mehr die Jüngste!
Ein anderer Traum lässt sich kurzfristiger realisieren –
einen Blog über meine Lebenserfahrungen als Babyboomer zu starten und in
regelmäßigen Abständen aus meinem bewegten Leben zu berichten. Diese Idee kam
mir, als ich vor einigen Jahren entzückt das Buch „Liegen lernen“ von Frank
Goosen las und dachte, eine weibliche Perspektive auf seine Sicht dieser Dinge
könnte nicht schaden! J
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